Andrea Gebert



Elixier des Tages

Seifarth erhob sich schwerfällig und spähte über den Spielplatz. Er hatte eine Zeit lang auf dem harten Sitz der Wippe gesessen, die Tasche mit dem Laptop im Sand neben sich. In der Hoffnung, dass ihm seine Füße die Richtung weisen würden, ging er los. Doch die, gewohnt ihn in Notwendigkeiten voran zu tragen, verweigerten sich jeglicher Entscheidung. So stand er unschlüssig an einer Kreuzung, deren Ampeln bereits auf das achtungsweisende Gelb umgeschaltet hatten und las die Straßenschilder. Schließlich schlug er in die erstbeste Straße nach links ein, deren Beleuchtung schon bald spärlicher wurde, was ein Anzeichen dafür war, dass er sich den Außenbezirken näherte.

Das Gefühl der Durchlässigkeit, dass ihn seit Wochen begleitete, war zu einer Übermacht geworden. Es beherrschte ihn mittlerweile wie eine Sucht und bestimmte seinen Tagesablauf. Gleichgültig ob er am Schreibtisch saß, das Auto putzte oder die Kinder besuchte, er verlor täglich an Kontur, fiel buchstäblich auseinander. Und das Schlimme war, er konnte keine Gründe dafür finden. Im Gegenteil! Es ging ihm gut, zu gut wahrscheinlich. Er hatte einen annehmbaren Job als Systemadministrator, ein Häuschen, zwei erwachsene Kinder und eine Frau, die er liebte. Vor drei Wochen war er sogar Großvater geworden. Die Tochter, eine unberechenbare, jedoch zielstrebige junge Frau, die er abgöttisch liebte, war auf einmal Mutter und er war unglaublich stolz darauf, Opa zu sein.

Angelockt durch grüne Leuchtschrift, die eine Kneipe versprach, ging er weiter und fand an einer ziemlichen heruntergekommenen Hausfassade die Aufschrift: Hafenbar. Er drückte die Klinke herunter und zog an der Tür, die sich zu verweigern schien, ehe sie mit ächzendem Geknarre nachgab. Die Verwunderung über eine solch schwer zu öffnende Kneipentür war ihm ins Gesicht geschrieben, als er sich im Halbdunkel umsah. Ein langer schwarzer Thresen und einige wenige Stehtische bildeten die dürftige Einrichtung.

Seifarth war der einzigste Gast.

Er lies sich auf einem Hocker nieder und suchte in der Jackentasche nach seinen Zigaretten.

Als er aufblickte, stand ein Glas vor ihm.

„Ähm, ich wollte eigentlich ein Bier“, murmelte er, „aber naja, Whisky ist auch ganz gut.“

Seifarth war sich nicht sicher, ob ihn der Barkeeper verstanden hatte, dessen Gesicht durch eine schwarze Sonnenbrille zu einer anonymen Maske wurde. Er fühlte sich unwohl und beobachtet. Seine Schluckgeräusche dröhnten ihm in den Ohren.

„Trinken Sie einen mit?“, fragte er in die Stille hinein, doch er wartete vergebens auf eine Antwort. Vielleicht bin ich wirklich unsichtbar, dachte er und vergaß, dass er dann auch kein Glas bekommen hätte.

„Nicht viel los heute, was?“ , startete er einen neuen Versuch. Der Barkeeper ging ans andere Ende des Thresens. Seifarth sah einen Herd mit einem großen gelben Emailletopf darauf.

„Nanu, Sie sind auch fürs Essen zuständig!“ rief er erstaunt und sah, wie der Barkeeper im Topf rührte.

„Nichts gegen Ihre Zurückhaltung, aber ein bißchen reden kann man schon mit den Gästen, oder? Ist einfach besser für den Umsatz, meinen Sie nicht auch? Was kochen Sie denn?“

„Suppe“.

Es war eine Jungenstimme, die noch nicht einmal den Übergang in die männliche Tonlage vollzogen hatte. Sie schwang hoch in dem leeren Raum und paßte nicht zu dem schlanken Mann. Seifarth schob das leere Glas weg und erhob sich, doch schon stand ein neues vor ihm.

Er schnüffelte, der Geruch, der dem Topf entwich, kam ihm bekannt vor, aber er konnte die Erinnerung daran nicht zuordnen.

„Ich bin nämlich gerade dabei unsichtbar zu werden“, sagte er und setzte hinzu, „ich meine, so wegen dem Alter und weil ich Großvater geworden bin.“

Ich benehme mich wie ein Idiot, dachte er, doch dann sprach er auch schon weiter.

„Kennen Sie das Gefühl? Ich meine unsichtbar zu werden. Ich bin da und bin doch nicht da, es ist, als ob ich mich langsam auflöse. Vielleicht ist das auch eine Art Midlifecrisis oder so.

Denn, ich hab alles, wissen Sie, mir fehlts an nichts. Nicht mal an Glück. Heut morgen, auf dem Weg zum Büro, hab ich sechs Schwäne auf der Spree gesehen. Die sind in Dreierformation geschwommen. Es waren fünf weiße und ein grauer, nur dass der graue aus der Formation fiel und plötzlich dachte ich, dass es mir genausso geht. Ich falle plötzlich irgendwo raus, ich schwimme nicht mehr mit.

Seifarth prostete dem Barkeeper zu und trank aus.

„Ich kann Annemaria alles erzählen, wissen Sie. Ich glaube, es war sowieso mein größtes Glück diese Frau zu treffen. Wir sind vierundzwanzig Jahre verheiratet und sie sieht noch super aus.“

Er beugte sich vor. Und den besten Sex haben wir in den letzten Jahren gehabt. Nur, dass ich auf einmal glaube unsichtbar zu sein, dass kann ich ihr nicht erzählen.“

Seifarth schnüffelte. „Jetzt weiß ich, was Sie kochen. Riecht wie Pfefferminztee und nicht nach Suppe. Ist da auch Sauerampfer drin?“

Er schloß die Augen und überlegte wieder, woher er diese Geruchsmischung kannte

„Zwecklos“, sagte er, „ich kenn den Geruch von irgendwo, kanns aber nicht zuordnen. Gibt’s noch einen Whisky?“

Während der Barkeeper ein neues Glas hinstellte, las Seifarth fasziniert die Aufschrift auf dessen T-shirt. „Was mache ich hier eigentlich?“ stand da in großen roten Lettern, die sich ihm wie Stahlnägel in den Kopf bohrten.

„Bis vor ein paar Wochen glaubte ich zu wissen, was ich hier mache. Wie kommt es nur, dass mir plötzlich der Sinn entfallen ist?“

Er gähnte laut und strich sich über die Stirn.

„Im nächsten Jahr werde ich fünfzig und außerdem feiern wir Silberne Hochzeit. Und was kommt dann?“

Er hielt das Glas ins Licht und betrachtete die Flüssigkeit.

„So, wie diesem Whisky da, geht’s mir auch. Ausgetrunken und weg, vertilgt von dieser Erde, ohne dass eine Neige bleibt. Vobei, als wenn nie etwas gewesen wäre.“

Er trank.

„Ich hatte eine glückliche Kindheit, auch wenn es heuzutage unmodern geworden ist, so etwas zu behaupten.

Jedenfalls bin ich nicht durch meine Eltern geschädigt oder so. Ich bin in einer ganz normalen Familie aufgewachsen, allerdings als Einzelkind und um mich herum nur Erwachsene, Oma, Urgroßeltern, Onkel und Tante. Meine Mutter hatte für meine Begriffe zu viel Ehrgeiz, das was sie in ihrer Jugend verpaßt hatte, sollte ich nachholen. Also unbedingt Gymnasium und Studium. Ich hab ihr den Gefallen getan, obwohl ich nie die rechte Lust hatte, aber in der Beziehung war ich pflegeleicht. Ärger gab es nur, als ich dannn nach dem Studium die Nase voll hatte von dem Technikkram und auf die Kunstakademie gehen wollte. Da hatten wir anderthalb Jahre Funkstille, solange bis ich Annemaria kennengelernt habe. Die ist dann ziemlich schnell schwanger geworden und ich mußte mich um eine vernünftige Anstellung kümmern. Gemalt habe ich seither nie wieder, obwohl die Staffelei zu Hause im Keller steht.

Ich meine, ich weiß, dass ich nie etwas Großartiges vollbringen werde, doch bisher hats mich nicht gestört. Ich war zufrieden. Wir sind zweimal im Jahr verreist und als die Kinder in die Schule kamen, haben wir das Häuschen gebaut. Reihenendhaus, wenn Ihnen das was sagt. Sind zwar nicht viele Quadratmeter Garten ,aber zum relaxen und für so ein bißchen Gemüse reichts. Um die Blumen kümmert sich Annemaria.

Was will man mehr? Ich hab einen Sohn gezeugt, einen Baum gepflanzt und ein Haus gebaut. Das ist es doch, oder?

Ich könnte es natürlich mit Ausschweifungen versuchen, Joints rauchen, mir eine Geliebte suchen oder einen auf Aussteiger machen, aber sagen Sie selbst, was bringt das außer dem momentanen Kick?“

Seifarth war plötzlich unsagbar müde, nur eine Sekunde die Augen schließen, dachte er, legte die Arme auf die Theke und den Kopf darauf.


Endlich hatte er die Lösung: es war die Suppe seiner Kindheit.

Deutlich sah er das längliche Gebäude des verfallenen Schuppens, der den Hühnerhof vom Garten abgrenzte, vor sich. Als Kind hatte er mit Vorliebe auf dem Dach gesessen. Es war mit geteerter Dachpappe ausgelegt, die bei Hitze an seinem Hosenboden kleben blieb.

Deshalb mußte er eine Schürze von der Großmutter tragen, wenn er dort oben saß. Seltsamerweise hatte er immer einen Topf vor sich stehen gehabt und in diesem Topf kochte er Suppe. Das heißt, er nannte es Suppe, denn das Gebräu darin war eine Mischung aus Sauerkirschen, angefaulten Äpfeln und zermatschten Birnen, die er mit einem Quirl bearbeitete und mit einem rostigen Blechlöffel rührte. Er würzte mit Sauerampferblättern und Pfefferminze und stellte täglich eine neue Mischung her. Stundenlang saß er dort oben, mit dem Blick über die kleine Stadt, die an der Grenze zwischen Thüringen und Sachsen lag. Manchmal verbrachte er ganze Ferientage auf dem Dach. Wenn er zu den Mahlzeiten nicht herunterkommen wollte, stieg die Großmutter auf die Leiter und reichte ihm sein Essen hoch. Dafür gab es hin und wieder Auseinandersetzungen mit der Mutter, die darauf bestand, dass er in den Ferien etwas sinnvolleres tun sollte, als auf dem Schuppendach zu sitzen. Dabei war er der größte Koch aller Zeiten, weil die Suppe ein Zaubertrank war, der die Menschen lächeln machte sollte. Nur die Großmutter hatte davon gewußt und die Suppe als Elixier des Tages bezeichnet, ein Wort dass nach Hexerei klang.

Als er dreizehn war, trennten sich die Eltern und er zog mit der Mutter in eine kleine Wohnung in einer sterilen Hochhaussiedlung. In den Ferien verreiste er nun mit der Mutter und er schämte sich, wenn sie zu Geburtstagen die Suppengeschichte aufwärmte.


Die Großmutter war gestorben und das Haus verkauft. Der neue Eigentümer hatte den Schuppen abreißen lassen.

Als Seifahrth mit schmerzendem Kopf erwachte, war es kalt in der Bar und er fror erbärmlich. Kühle Zugluft brachte ihn zurück in die Realität. Er stand auf und erinnerte sich des seltsamen Barkeepers.


„Hallo“ rief er, doch er hörte nur das Echo seines Wortes. Er ging um die Theke herum zum Herd suchte vergeblich nach dem Topf. Das einzige, was er fand, war die Sonnenbrille des Barkeepers. Sie lag vergessen neben dem großen verbeulten Blechlöffel.

Auf dem Weg zum Ausgang , sah er sich nochmals um und entdeckte eine Tür, die zu einem Hinterzimmer führen mußte. Durch eine spaltbreite Öffnung sah er sich selbst als kleinen Jungen auf dem Dach sitzen, den Topf zwischen den aufgeschürften Knien haltend.

„Hey“, rief er lachend seinem Kindheitsbild zu und winkte. Der Junge sah für Sekunden auf: „Erinnerst du dich nicht mehr?“ fragte er, „du wolltest nach dem Elixier des Tages suchen.“

„Ich hab vergessen, wie man das macht“ rief Seifarth , „du mußt mir helfen“. Doch in diesem Augenblick fiel die Tür mit lautem Knall ins Schloß und so sehr er sich auch mühte, sie blieb verschlossen.

Fahles Morgenlicht kroch über den Himmel, als er nach Hause kam.

Im Garten hockte ein Igel. Annemaria schlief fest, ihre Hände hielten sein Kopfkissen umklammert.

Später träumte er von einem grauen Schwan, der mit einem Suppentopf auf der Spree schwamm.