Unterwegs - Freihafen 19. September 2005

Die Sommerpause des Freihafens ist definitiv vorbei. Am 19.09. startete unsere offene Lesebühne mit einem neuen Moderatorenteam (Ralf und Regina) vom Tintenschiff in die nächste Saison. Leider hat es sich noch nicht bei allen Stammgästen herumgesprochen, dennoch hatten sich einige Autoren und Autorinnen sowie Gäste eingefunden, um ihre Texte zum Thema "Unterwegs" vorzulesen bzw. sich vorlesen zu lassen.


Den Anfang machte Anna, die bereits des Öfteren beim Freihafen zu Gast war. In "Der Traum vom Ausbrechen" verlässt der Protagonist sein Dorf und damit Frau und Kind, um einige Zeit in der großen Stadt (in diesem Fall Berlin) unterwegs zu sein.

" . . . Seiner Frau hatte Balu erzählt, die Geschäftsreise dauerte über seinen Geburtstag hinweg, es ließ sich nicht anders einrichten. Er war vor knapp vier Wochenabgereist. Sie hatte ihn verabschiedet, im Rückspiegel hatte er sie winken sehen. Sein Sohn neben ihr. Madison war vier. Er hätte ihn am liebsten mitgenommen, ihn bei sich gehabt, ohne Magdas panischobservativen Blick. Das hätte er aber nicht erklären können. und so ließ er beide zurück. . . ."


Danach konnten wir ein neues Gesicht begrüßen. Arno las neben dem Text "Transport", der einen heißen Nachmittag in Dakar beschreibt, einige kurze Stücke, Gedichte und Limericks.


Es war mal ein Mädchen aus Frechen,

das mußt' seiner Mutter versprechen:

"Um elf Uhr zu hause!"

"Ich trinke nur Brause!"

Trotzdem tat's dann später erbrechen.

Den Superstar traf 'ne Rakete

Silvester ins Ohr, weil es wehte.

Am anderen Ohr,

da kam sie hervor.

Und lustig ging weiter die Fete.


Bärbel, auch nicht zum ersten Mal im Freihafen, war mit dem "Protokoll einer halben Stunde" vertreten. Eine Frau macht sich auf den Weg zum Bahnhof und muss feststellen, dass in ihr Auto, mit dem sie dorthin fahren will, eingebrochen wurde. Es beginnt ein Wettlauf mit der Zeit.


07:39 - Dass etwas ungewöhnlich ist, merke ich erst, als ich den Koffer schon aus dem Kofferraum genommen habe. Ich stehe und starre und verstehe nicht, was ich sehe. Scherben, zersplittertes Glas. Das kann nicht sein. Ich habe es doch gestern nicht bemerkt. Es war doch alles in Ordnung.Die Scherben liegen auf der Rückbank. Ich gehe auf die Seite, das Schloss der Beifahrertür ist zerwürgt. Ein tiefer Krater. Die Tür ist zu. Sie wollten. Was mache ich jetzt? Der Zug. Die S-Bahn. Ich muss rennen. Aber. Das Auto. Ich kann doch nicht. Polizei. Keine Ahnung. Was man macht. In solch einem Fall.

Das vollständige Protokoll finden Sie auf www.spass-am-schreiben.de


Von einer Begegnung der anderen Art erzählte der Text "Wochenendausflug" von Regina: Ein Ehepaar unterwegs in der Eifel, eine Autopanne mit nicht absehbaren Folgen ...

" . . . Als sie sich umdrehte, um ihre Handtasche vom Rücksitz zu nehmen, sah sie, wie sich die Tür des Hauses öffnete und Günther in dem Lichtausschnitt erschien. Er taumelte leicht, dann rannte er los. Stolperte mehr, als dass er lief. Als er das Auto erreicht hatte, ließ er sich atemlos auf den Fahrersitz fallen, beugte sich über Ursula und drückte den Türverriegelungsknopf herunter. Das Gleiche tat er auf seiner Seite, dann umklammerte er das Lenkrad und schaute schwer keuchend in die Dunkelheit.

"Um Gottes Willen, Günther, was ist los?"

Er schüttelte nur mit dem Kopf. Sein Atem ging stoßweise, er zitterte am ganzen Körper.

Ursula legte ihm die Hand auf die Schulter. "Günther, nun sag doch etwas. Was ist passiert?"

"Wir müssen hier weg!", stieß er hervor. Voller Panik blickte er zu dem Haus hinüber.

. . . "


Natürlich durfte "unser" Taxifahrer beim Thema dieses Abends nicht fehlen. Martin war mit einem Fahrgast unterwegs, der am Dreieck Funkturm mitten auf der Autobahn aussteigen wollte.

" . . . Er nuschelte so stark, dass ich sein Fahrziel erst nach dreimaligem Nachfragen verstand: Spandau, Pichelsdorf, Pichelsdorfer Straße. Um die entstandene peinliche Situation aufzulockern, machte ich ein paar witzige Bemerkungen, die bei meinem Fahrgast eine hüstelnde Heiterkeit hervorriefen und eine bescheidene Unterhaltung in Gang setzte. Da mir unmöglich war, dem Genuschel meines Fahrgastes zu folgen, verlief sich unser anfangs zaghaft sprudelndes Gespräch im Fahrtwind- und Motorengeräusch des Taxis, bis es letztendlich in ein Meer voll angenehmen Schweigens mündete. . . ."


Zum Abschluss las Ralf seinen Text "Begegnung im Bus". Auf der "bewegten" Fahrt kommt sich ein Paar näher, als ursprünglich zu vermuten ist.

". . . „Hallo!“ sagte sie, strahlte mich mit ihren kleinen Augen an.

„Wie geht es?“ fragte ich.

„Gut, immer unterwegs, nie Zeit.“

„Dabei müsstest du jetzt mehr Zeit haben.“

„Was treibt dich hierher? Es ist nicht deine Zeit. Bist du auf dem Weg zu der Erbtante oder hat die Mutter Geburtstag?“

„Dann hätte ich Blumen bei.“

„Welche?“

„Welche magst du?“

„Bunte.“

„Für dich hätte ich einen Frauenschuh bei.“

Der Bus bremste, wir rutschten näher aneinander, obwohl wir uns an den Griffstangen festhielten.

. . .